Pro & Contra

Digitale Schulbücher bieten derzeit wenig Mehrwert für Schulen!

Lisa-Andrea Glatz
Lehrerin
Pro Contra
Serkan Erol
Lehrer
Pro Das Wischen macht vor dem Schulbuch nicht halt.

Wenn digitale Schulbücher so verstanden werden, dass sie den Inhalt vom klassischen Schulbuch einscannen und das Layout aufhübschen, dazu ein paar Medien hinzufügen, dann ist das Ziel von der digitalen Transformation verfehlt. Bieten die digitalen Schulbücher allerdings kollaborative Arbeitsmöglichkeiten mit individualisierten Aufgaben und Erklärvideos an, ist das digitale Schulbuch vorzuziehen. Solange aber Schulbuchverlage nur den Kerninhalt vom Schulbuch 1:1 ins Digitale übertragen, gilt es, der Haptik eines Schulbuchs, das am Schülertisch jederzeit griffbereit daliegt, den Vorrang zu geben. Die Leseforscherin Maryanne Wolf spricht beim Buch vom „taktilen räumlichen Erlebnis“, das wir durch das Blättern der Buchseiten gewinnen. Obgleich die Schüler im digitalen Schulbuch mehrere Kapitel erarbeitet haben, sind sie kaum in der Lage zu sagen, wie vielen Buchseiten das wohl entspricht. Es ist wie beim Scrollen auf einer endlosen Social-Media-Plattform. Es bleibt ungewiss, welche Strecke einer dabei zurücklässt. Die internalisierte Wischgeste macht vor dem digitalen Schulbuch nicht halt. Es zählt heute mehr denn je zur Aufgabe der Pädagogen, „den rastlosen Geist in geordnete Bahnen zu lenken“ (H. Gardner / M. Weigel). Das Buch bremst die Wischgewohnheit und verleitet die Schüler zum verweilenden Denken, sofern die Aufgaben intelligent gestellt und das Material aussagekräftig sind.

Contra Unterrichten mit analogen Schulbüchern? Das ist so 80er!

Tafel, Kreide, Heft, Füller und Buch – das Bildungsquintett meiner Schulzeit. Manchmal eine Kassette, selten ein Film. Das waren die 90er. 30 Jahre ist das her. Vor 30 Jahren mussten sich die Kollegen ein Abspielgerät teilen, um mir im Bio-Saal eine Animation der Meiose zu zeigen, untermalt vom Surren der Super-8-Spule. Vor 30 Jahren hatte meine Scout-Schultasche eine Gewichtsskala im Henkel, die jeden Tag „zu schwer“ anzeigte. Gut, dass ich jetzt Lehrer sein darf. Mit einem Klick in die Zusatzmaterialien meines digitalen Lehrerhandbuchs kann ich über den Beamer Zellteilung zeigen – sogar mit mikroskopischen Aufnahmen. Wenn es sein muss, komplett unvorbereitet. Meine Schüler können ihre Bücher in der Schule lassen – zugunsten des Taschengewichts. Zu Hause haben sie trotzdem digitalen Vollzugriff. Laptop- und Tablet-Klassen können die Printversion sogar ganz abschaffen. Gleichzeitig kann ein digitales Schulbuch einen Grad an Individualisierung bieten, von dem der analog Unterrichtende mit gleichem Aufwand nur träumen kann. Den Schülern stehen über die Zusatzmaterialien tagesaktuell weiterführende Informationen zur Verfügung, ein Großteil bietet differenzierte Aufgabenstellungen. Interaktive Inhalte ermöglichen einen Lernzuwachs, der dem natürlichen Lern-Flow der aktuellen Schülergeneration entspricht. Verfügbarkeit, Individualisierung, Aktualität – dank digitaler Schulbücher das Bildungstrio meiner Lehrerzeit.