Pro & Contra

Ist das Streaming aus dem Klassenzimmer sinnvoll?

Kristin Heitmann
Grundschullehrerin
Pro Contra
Tobias Pruy
Medienpädagogischer Berater für digitale Bildung
Pro

Streaming verringert Distanz im Distanzunterricht

Das Streaming des Unterrichts für erkrankte Schüler entlastet Lehrkräfte beim beinahe täglichen Spagat zwischen Präsenz- und Distanzunterricht. Die Lehrkraft muss dadurch nicht versuchen, den Unterricht digital „nachzubauen“, um Schülern zu Hause gerecht zu werden. Schüler in Quarantäne können auf diese Weise weiterhin aktiv am Regelunterricht teilnehmen, ohne etwas zu verpassen. Sie werden nicht zum passiven Konsumenten einer Videoaufzeichnung degradiert, sondern haben weiterhin die Chance, am sozialen Miteinander teilzunehmen. Ist nun die lokale Speicherung eines Videomitschnitts dem Streaming vorzuziehen? Datenschutzrechtlich sehe ich keinen Unterschied. Wenn die Videodatei für den Schüler beispielsweise über eine Cloud oder Website bereitgestellt wird, besteht dabei ebenso die Möglichkeit einer unkontrollierten Weitergabe. Gleiches gilt für den Seminarbetrieb, bei dem personenbezogene Schülerdaten unter Seminaristen schnell via USB-Stick verbreitet werden könnten. Voraussetzung ist natürlich die Verfügbarkeit einer DSGVO-konformen Plattform für Videokonferenzen. Ein zentral bereitgestelltes Angebot des Bundeslandes oder gar des Bundes kann hier Abhilfe schaffen. Es sollte nicht Aufgabe der Schule oder einzelner Lehrkräfte sein, sich um die technische Einhaltung der DSGVO zu kümmern. Hier sind die Anbieter dieser Dienstleistungen klar in der Bringschuld – ansonsten sollten sie auf dem Markt keine Daseinsberechtigung haben.

Contra

Selbst mit Datenschutzerklärungen ein Unding

„Wir können das ja kurz mal streamen, nur vom Klassenzimmer in den Seminarraum“, so tönt es öfter und zeigt, dass es um den Datenschutz nicht überall gut bestellt ist. Voraussetzung fürs Streamen sind immer die Einverständniserklärungen aller Schüler und Lehrer. Auch, wenn nur Stimmen zu hören sind. Selbst unter Einhaltung der rechtlichen Vorgaben halte ich Streamen für ein Unding. Wo beginnt ein Stream der Stunde, wo endet er? Wer sieht an den Endgeräten die Schüler, die dringend auf die Toilette müssen, die Störer, die schwachen Rechner und Leser, wer hört die Kinder, die private Dinge erzählen? Eine Lösung wäre, nur den Lehrer vor der Tafel aufzuzeichnen. Am besten ohne Nebengeräusche und unsichtbare Handlungen – also ohne Klasse. So wird es bereits erfolgreich auf YouTube gezeigt. Sinnvoll wäre, wenn interessierte Lehrer für die Erstellung solcher Videos Ausstattung und Zeit bekämen. Was ist mit Streamen für das Seminar? Kein Referendar wird eine Einverständniserklärung verweigern, und die Stunden sind durchgeplant, es passiert wenig Unerwartetes. Aber was spricht gegen die lokale Aufzeichnung, am besten mit dem Laptop des Referendars, von dem die Daten verlässlich gelöscht werden können? Niemand möchte 20 Jahre später seine ersten Unterrichtsversuche als Film aus dem Kontext gerissen irgendwo sehen. Ein weiterer Vorteil: Die Seminare bräuchten gar nicht in die Schulen kommen, sondern könnten zeitlich versetzt die Vorführstunden besprechen.