Pro & Contra

Kollaborative Tools: Wird da wirklich zusammengearbeitet?

Thomas Cleesattel
Lehrer und Referent für digitale Fragen und Demokratiebildung am ZSL Stuttgart
Pro Contra
Julia Hastädt
Lehrerin
Pro Potenziale der Kollaboration entfachen

Ja, wenn wir als Lehkräfte den Lernprozess sinnvoll initiieren und unsere Lernenden mit kollaborativen Tools vertraut machen. Wenn wir das nicht tun, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ernsthaft zusammengearbeitet wird, ungemein. Die Kunst ist es, Aufgabenformate anzulegen, die echte Teamarbeit voraussetzen, um ein qualitativ hochwertiges Ergebnis zu erreichen. Dafür muss von Beginn an klar sein, dass die Aufgabe nur als Team bewältigt werden kann und die Beiträge eines jeden Einzelnen relevant für das Gesamtergebnis sind. Fachlich ist eine Kollaboration umso tiefgründiger, wenn in kleineren Teams agiert wird, in denen die Motivation aufgrund der eigenen Bedeutsamkeit für die Gruppe höher ist. Entscheidend ist zudem, dass die Schüler ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Beiträge von anderen wertgeschätzt und nicht ohne Grund gelöscht oder verändert werden. Dies benötigt Zeit und kann nicht von Beginn an vorausgesetzt werden. Mein Tipp: Wenn Schüler das erste Mal digital kollaborativ arbeiten, geben Sie Ihnen Freiräume zum Ausprobieren dessen, was technisch möglich ist und setzen Sie (ausnahmsweise) nicht den Inhalt auf den Fokus. Reflektieren Sie dann mit der Lerngruppe die „Macht des Einzelnen“ aus der Metaperspektive und sensibilisieren sie dafür, was das Ziel dieser Form der Zusammenarbeit ist. Im Klassenraum braucht man theoretisch nicht zwangsweise kollaborativ zu arbeiten. Aber wer die Kompetenz dieser Arbeitsweise beherrscht, kann Angefangenes außerhalb des Unterrichts zeit- und ortsunabhängig fortsetzen, ist bestens auf die Berufswelt vorbereitet und kann Homeschooling aufgrund von Covid-19 entspannt begegnen. Wenn keine echte Kollaboration stattfindet, liegt das nicht nur an den Lernenden, sondern vorerst an uns Initiatoren von Lernprozessen.

Contra Ist das wirklich alles Kollaboration?

Als ich 2018 einen Workshop zu kollaborativen Tools geplant habe, fand ich einen guten Anfang bei einer Definition von Jöran Muuß-Merholz. Für ihn ist Kollaboration die Fähigkeit, mit anderen zusammen denken, lernen und arbeiten zu können. Ich würde heute sogar noch einen Schritt weitergehen und aus dem Können ein Wollen machen! Im Netz stoße ich seither immer wieder auf Beispiele, die abgefeiert werden, ebenso die dafür eingesetzten Tools und deren Verfasser*innen. Ich versuchte mich selbst mehrfach im Unterricht und kam schnell ins Zweifeln. Die Beispiele zeigen u. a. Schülerinnen und Schüler, die im Unterricht über ein Etherpad gemeinsam einen Text verfassen – jeder am eigenen Tablet, ohne miteinander zu sprechen. Man wolle die Raumunabhängigkeit simulieren, höre ich auf Nachfrage! Lehrer X brainstormt mit Tool A, Lehrerin Y sammelt Ergebnisse mit Tool B. Auch Mindmapping erlebt in diesen Zeiten eine Renaissance, nur eben digital – „zur besseren Vernetzung des Gelernten“. All diese Unterrichte mögen gute Unterrichte sein. Jedoch haben sie mit Kollaboration nach meinem Verständnis nur wenig zu tun. Die Schülerinnen und Schüler denken, lernen und arbeiten dabei nämlich meist allein und fügen ihren Teil zu einem Gesamtergebnis hinzu. Und nur, weil das Brainstorming jetzt über ein digitales Tool erfolgt oder der Aufsatz gemeinsam, aber raumunabhängig verfasst wird, ist es nicht automatisch kollaborativ. Kollaboration ist eigentlich nur der Wille, mit anderen zusammen denken, lernen und arbeiten zu wollen – eben und vor allem auch außerhalb des Unterrichts. Ob das mit den oben genannten Beispielen erreicht wird, möchte ich zumindest zur Diskussion stellen. Ansonsten sind wir nämlich wieder beim viel zitierten „alten Wein in neuen Schläuchen“.