Pro & Contra

Spaltet die Digitalisierung die Kollegien?

Myrle-Dziak Mahlerr
Lehrerin
Pro Contra
Philippe Wampfler
Lehrer
Pro Splitterndes Holz

Entwicklungsprozesse an Schulen werden mit der Bleistiftmetapher illustriert: Ein Bleistift besteht aus Spitze, Holz und Radierer. Die Spitze erprobt neue Ideen, das Holz würde das auch gerne tun, braucht aber noch etwas Unterstützung (englisches Wortspiel: „the wood“ – „they would“), und der Radierer versucht, rückgängig zu machen, was die Spitze erreicht hat. Kollegien erleben digitale Medien im Unterricht auf 3 Arten: als Herausforderung, die spannende Möglichkeiten erschließt. Als permanente Überforderung, auf die niemand vorbereitet ist. Und als Angriff auf das Selbstverständnis von Lehrkräften, die Lerninhalte, Methoden und Rollen lassen wollen, wie sie sind. Spitze, Holz, Radierer. Digitalisierung spitzt den Bleistift unerbittlich weiter. Das Holz splittert, weil sich die Spitze entzweit: Auf der einen Seite steht eine digitale Reformpädagogik. Der lernende Mensch soll sich digital vernetzen und eigenständig Wissenszugänge erschließen. Auf der anderen Seite stehen Tools, die Lernen spielerisch leicht machen und sich adaptiv an Schülerinnen und Schüler anpassen. Bedeutet Digitalisierung Schülerzentrierung oder den Einsatz cleverer Software? Pädagogische Neuerungen, Toolifizierung und Bewahr-Mentalität zerreißen die Kollegien gerade. Abhilfe könnte nur eine Vision von Unterricht schaffen, die unterschiedliche Ansprüche einlöst, ohne von Lehrkräften zu viel zu verlangen.

Contra „Sowohl-als-auch“ ist das neue Richtig

Der digitalen Transformation unserer Gesellschaft werden wir in der Schule kaum Herr werden, wenn wir glauben, sie sei mittels „normaler“ Schulentwicklung beschreib- oder gar beherrschbar. Das, was wir gerade erleben, ist nicht vergleichbar mit der Debatte um G8/G9, Zentralabi oder Inklusion: Die Möglichkeit, etwas wieder „wegzuradieren“, entfällt. Die Veränderungen, die uns erfassen, sind substanziell, massiv und unumkehrbar. Worauf wir uns in Zukunft mehr denn je einstellen müssen, ist, Widersprüche auszuhalten. Das „Sowohl-als-auch“ ist das neue Richtig. Will sagen, wir werden lernen müssen, uns besser zuzuhören. Zuhören, um zu verstehen. Emotionen aushalten, Verständnis aufbringen. Aber klar in der Sache: Faires Lehrerhandeln bedeutet, die Zukunft der Schülerinnen und Schüler zum Lackmustest zu machen. Und diese Zukunft wird eine digital transformierte Gesellschaft sein. Wenn das klar ist und sich das Kollegium darauf verständigt, braucht es nicht zu spalten. Darunter geht es allerdings auch nicht. Ob Tablets eingesetzt werden, BYOD gelebt wird oder die Diskussion mit den Kindern und Jugendlichen über Datensicherheit, zukünftige Jobs und Kompetenzen auf der Tafel mit Kreide festgehalten wird, ist maximal zweitrangig. Aber ob wir sie auf ihre Zukunft angemessen und verantwortungsvoll vorbereiten, darf nicht zur Debatte stehen.