Sind Herstellerfortbildungen kritisch zu sehen? – Wegweiser Digitale Schule

SIND HERSTELLERFORTBILDUNGEN KRITISCH ZU SEHEN?

01.05.2019

Pro

Google, Apple, Microsoft: Die Expertise als Lehrer professionell nutzen.

Schüler und Lehrer haben heute großartige Lernchancen, die erst durch Technik möglich werden: Lehrer können personalisierte Lernwege ermöglichen, Schüler können digital kooperieren und die Verantwortung für den eigenen Lernweg übernehmen. Lernen in der digitalen Gesellschaft kann das alte Postulat vom selbstständigen Lerner neu einlösen, wenn der Lehrer diese Möglichkeiten kennt. Es hilft den Schülern nicht, wenn sie dogmatisch vor der Technik beschützt werden. Die Mündigkeit ihrer Schüler ist der Bildungsauftrag der Lehrer. Gemeinsam die Chancen, Kosten und Risiken zu reflektieren, um das auszuwählen, was für das Lernen das Beste ist, geht aber nur, wenn ich mich als Lehrer für neue Möglichkeiten interessiere und den Schülern die Gelegenheit gebe, in neuen Settings zu lernen, um eigene Urteile zu bilden. Wie kommt nun der Lehrer zu seinen Kenntnissen? Entwickelt werden digitale „education tools“ nicht von Kultusbehörden, sondern von Technik-Konzernen. Daher liegt es nahe, sich als Lehrer in die Hände der Fortbildungen dieser Firmen zu begeben. Sie können eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Fortbildungsquellen sein, die heute digital leicht erreichbar sind. Hier gibt es eine große Vielfalt, der sich der Lehrer mit kritischer Haltung stellen sollte. So wird der Lehrer zum zeitgemäßen Lerner. Seinen Schülern tritt er nicht als Produktwerber gegenüber, sondern als „change agent“, der das technisch Machbare didaktisch nutzt und verpflichtende Zwänge kommerzieller Einseitigkeit ablehnt. Dazu ist neben der kritischen Haltung auch Offenheit gegenüber Expertise und Flexibilität nötig. Das ist gelebte digitale Kultur. Und: Dass die Wirtschaft auf die Schule Einfluss sucht, ist nichts Neues – nur bei Schulbüchern und Taschenrechnern schlief bislang das öffentliche Bewusstsein. Den aktuellen Weckruf sollten wir konstruktiv nutzen.

Björn Nölte Studiendirektor, Twitter: @noelte030

 


Kontra

Lehrer dürfen nicht zu Werbebotschaftern werden!

Die Angebote großer Konzerne, Lehrer in der Nutzung ihrer Education-Technologie fortzubilden, sind durchaus attraktiv: Einblick in Entwicklungen, Fortbildungsangebote, internationaler Austausch. Die Unternehmen geben sich damit eine positive Corporate Identity: „Wir engagieren uns für Bildung und stellen die Ausbildung der Lehrer sicher!“ Das grundlegende Problem, das dieser Attraktivität diametral entgegensteht, ist die massive Einflussnahme auf den Bildungsauftrag der Schule. Die Lehrer gehen damit in der Regel die Verpflichtung mit ein, in ihrem Umfeld Produktwerbung zu betreiben. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um Verkauf des Gerätes A oder B, sondern um die Bindung der Kunden an einen geschlossenen Mikrokosmos mit Abo-Modellen und Stores. Lehrer sind der Neutralität verpflichtet und dürfen daher nicht als Werbebotschafter vor ihre Klassen und Kollegen treten und damit die nächste Generation an Kunden heranziehen oder akquirieren. Dadurch bekommt ein pädagogisches bzw. kollegiales Verhältnis ein ökonomisches Vorzeichen. Die Auswirkungen der Digitalisierung lassen das Engagement der IT-Konzerne in Schulen vielleicht wünschenswert erscheinen – konsequenterweise müsste man dann aber die Schule auch für andere Wirtschaftsunternehmen öffnen. Eine klare Trennlinie lässt sich dann nicht mehr ziehen. Den wünschenswerten und auch notwendigen Erfahrungs- und Wissenstransfer zwischen Schule/Lehrer/Schülern und den Konzernen sollte man daher auf anderem Wege sicherstellen, ohne die Neutralität des Lehrers und der Schule zu gefährden.

Jörg Tully Förderschullehrer und Koordinator Digitale Bildung, Twitter:
@Max_Frischer
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